Andreas Dibowski
Spitzensport & Ausbildung
Irenenhof
Hörpeler Weg 4a
21272 Döhle
 
Geländetraining - "Mein 100-Tage-Plan"


Erfolg mit System

Der Buschreiter reitet nicht nur mit dem Gesäß, sondern auch mit dem Kopf, daher der Name Vielseitigkeit. Profi Andreas Dibowski erklärt, wie er seine Pferde trainiert, einsetzt und ihnen Erholung gönnt. Tipps, die jedem Reiter nützen, der regelmäßig ins Gelände will.

Um im Turniersport dauerhaften Erfolg zu haben, reicht es nicht, auf guten Pferden gut zu reiten. Das richtige Management ist mindestens ebenso wichtig, gleichgültig ob man ein, zwei oder einen ganzen Stall voller Pferde hat. Das gilt für alle Disziplinen, aber besonders für die Vielseitigkeit. Unter Management verstehe ich sinnvolle Planung der Ausbildung, des Trainings und schließlich des Turniereinsatzes, abgestimmt auf das jeweilige Pferd. Zum richtigen Management gehört ein langfristiges Konzept - ich mache mir zu Saisonbeginn für jedes Pferd einen Plan, überlege mir Training, Pausen und Turniereinsätze und setze mir ein "Klassenziel", das ich mit diesem Pferd erreichen will. Dabei gehe ich natürlich nicht nach einem starren Schema vor, sondern bleibe je nach der individuellen Entwicklung des Pferdes flexibel.


Jahres-Rhythmus

Der Jahres-Rhythmus gibt auch den Rhythmus von Training, Ruhepausen und Turniereinsatz vor. Dabei unterscheide ich das Basistraining, das ein Pferd in die Lage versetzen soll, Kurzprüfungen zu gehen, und das Leistungskonditionstraining für lange Prüfungen sowie die Phasen der Erholung. Die ersten Monate des Jahres sind für junge Pferde, also Drei- bis Fünfjährige, die richtige Zeit für die Dressur- und Springausbildung, die sich in dieser Phase nicht von der Ausbildung in den beiden Spezialdisziplinen unterscheidet. Ausbildungsziel ist Springen und Dressur Klasse A, später L, dazwischen wird viel spazieren geritten, soweit es Wetter und Boden erlauben. Die älteren Pferde werden ebenfalls spazieren geritten und locker gemacht. Ich meine damit aber wirklich Pferde, die im Grunde ihren Beruf schon beherrschen, bei denen nur noch an den Feinheiten gearbeitet werden muss. Sonst wird man auch mit älteren Pferden die Wintermonate nutzen, um gezielt Schwächen auszumerzen. Wer sein Pferd im Herbst wegstellt, obwohl es Schwächen in der Dressur hat, braucht sich nicht zu wundern, wenn es Mai wird und die Dressur immer noch nicht besser ist.


Basistraining

Im Februar/März beginne ich, die Pferde anzutrainieren, jüngere wie ältere. Die Ritte ins Gelände werden jetzt, soweit es das Klima erlaubt, intensiver, es wird länger - ruhig - galoppiert, etwa drei bis fünf Minuten pro Phase, je nach Pferdealter und Typ, und insgesamt auf verschiedenen Böden geritten, mal weicher, mal härter, auch über unebenes Gelände. Das ist vor allem für die jungen Pferde außerordentlich wichtig, denn so werden sie trittfest und lernen, sich sicher auf jedem Boden zu bewegen. Das ist auch eine Sache des Kopfes. Sehr schnell gewachsene, große sowie junge Pferde brauchen manchmal einige Zeit, bis sie sich ausbalancieren. Dieses Training macht die Beine widerstandsfähig. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Pferde, die in der Jugend, also im Alter zwischen vier und sechs Jahren, dieses Geländetraining nicht haben, sondern erst später in unseren Sport kommen, in der Regel nicht halten und anfällig für Sehnenschäden sind. Diese Grundkondition ist später nicht mehr nachzuholen. Wenn mir ein "völlig unverbrauchter Achtjähriger" angeboten wird, der bis dahin nur Springen und Dressur gegangen ist, bin ich sehr vorsichtig, denn häufig neigen solche Pferde zu Beinproblemen. Dieses Training, angereichert durch frische Galopps im Tempo von etwa 500 Meter pro Minute reicht in der Regel für Kurzprüfungen aus. Wirklich schnell reite ich dann nur in der Prüfung, wo das geforderte Tempo zwischen 520 Meter pro Minute (Ein-Sterne-Prüfung bzw. Klasse L) und 570 Meter pro Minute (DreiSterne-Prüfung bzw. Klasse S) liegt. Auch wenn es heute keine Rennbahnen oder Wegestrecken in langen Prüfungen mehr gibt, glaube ich nicht, dass die Reiter für kurze und für lange Prüfungen jeweils vierbeinige "Spezialisten" brauchen. Ein Pferd, das eine anspruchsvolle Kurzprüfung geht, kann auch lang gehen, das ist dann nur noch eine Sache des Konditionstrainings. Auch halte ich die Sorge der Briten und Iren für unbegründet, man brauche in Zukunft keine Blutpferde mehr, sondern käme in Kurzprüfungen mit Warmblütern aus. Das würde ihren Handelsinteressen massiv entgegenstehen, denn nach wie vor fahren viele Vielseitigkeitssreiter in diese Länder, um Pferde zu kaufen. Aber wir werden auch in Zukunft Pferde brauchen, die über genügend Vollblut verfügen. Bei den immer technischer werdenden Kursen muss man die Pferde nämlich an den Hindernissen oft deutlich zurücknehmen. Diese verlorene Zeit ist auf einem kürzeren Kurs (3000 Meter) natürlich schwieriger einzuholen als auf einem langen und man braucht dafür ein Pferd mit Speed und Beschleunigungsvermögen.


Leistungskonditionierung

Ab siebenjährig starte ich meine Pferde auch in langen Prüfungen ab Klasse L. Manchmal sind sie auch schon im Herbst davor, wenn sie sechsjährig sind, soweit. Lange A-Prüfungen passen selten in meinen Ausbildungsplan, sind aber für junge Pferde und junge Reiter eine sehr gute Sache. Die Trainingszeit richtet sich nach dem Schwierigkeitsgrad, bzw. nach der Länge der Strecken. Das Galopptraining wird jetzt intensiviert. Jeden 4. Tag steht jetzt Galopptraining auf dem Plan. Manchmal auch nach drei Tagen, manchmal erst nach fünf. Nach Kurzprüfungen nicht vor dem 5. Tag. In die Vorbereitungsphase werden auch Kurzprüfungen eingebaut. Wenn nichts dazwischen kommt (Verletzungen etc.) plane ich zwei lange Prüfungen pro Saison, eine im Frühjahr/Frühsommer (Mai/Juni) und eine für den Spätsommer/ Herbst. Dazwischen gibt es eine Pause. Man kann ein Pferd nicht von Frühjahr bis Herbst in Höchstform halten. Etwa 14 Tage lang, nach der ersten langen Prüfung, wird das Pferd mit leichterer Arbeit abtrainiert, bevor es in die Sommerpause geht. Erst kommt es halbtags, dann ganztags auf die Weide. Von sandigen oder matschigen Paddocks, in denen sich die Pferde die Beine in den Bauch stehen, halte ich nichts. Während der Trainingspause wird das Pferd etwas seine Form verlieren; man kann schon nach zwei oder drei Tagen sehen, dass die Muskeln etwas weniger werden, das Pferd wird bauchig. Aber das nehme ich in Kauf, damit sich der gesamte Körper erholen kann. Nach drei Wochen beginnt wieder das Aufbautraining wie beschrieben, das zur zweiten langen Prüfung hinführt. Die älteren Pferde bekommen wieder nach einer entsprechenden Phase des Abtrainierens, zwischen Oktober und Weihnachten, eine längere Winterpause wie oben beschrieben, die jüngeren Pferde werden weiter gearbeitet. Am 1. Januar beginnt die geregelte Arbeit wieder.



Leistungskonditionstraining:

Vorbereitungszeit für lange Prüfungen

  sechs Wochen vor einem CCI* (Klasse L)
  acht Wochen vor einem CCI** (Klasse M)
  zehn bis zwölf Wochen vor einem CCI*** (Klasse S)



Galopptraining:

Zum Leistungskonditionstraining ausschließlich Sprints von 30 - 45 Sekunden am Berg. Wenn möglich auch längere Phase, wo sich das Tempo entwickelt. Insgesamt aber nicht länger als 90 Sekunden.

  Vollblütige Pferde: Galopptraining alle vier bis fünf Tage
  Warmblütige Pferde: alle drei bis vier Tage
  nach Prüfungen nicht vor dem 5. Tag
  Gamaschen oder Bandagen sofort nach dem Training, noch beim Abkühlen entfernen, weil sich sehr schnell unter den Gamaschen die Hitze staut und dies zu Schäden führen kann
  Den Tag nach dem Galoppieren etwas ruhiger angehen lassen. Leichte Arbeit, kein Streß
  Zwei Mal täglich: Morgens trainieren, nachmittags nochmal bewegen (Schritt, lockerer Trab)
  Längeres, ruhiges Reiten nach dem Galopptraining ist genauso wichtig wie langes, ruhiges Aufwärmen
  Beine intensiv auskühlen. Keine Medikamente oder Chemie im Training. Eis oder Wassermassage. Danach die Beine trocken halten



Woran Sie noch denken sollten ...

Gesundheitscheck: Bewährt hat sich ein Vet-Check etwa drei Wochen nach der letzten Prüfung. Er sollte aus einer klinischen Untersuchung des Stützapparates sowie aus einem Ultraschall der Beugesehnen und des Fesselträgers bestehen.

Winterpause: Mindestens acht Wochen die Eisen runter, Fütterung umstellen, das heißt weniger Kraftfutter, mehr Raufutter.

Fütterung: Vor der Saison die Zähne kontrollieren lassen. Kraftfutter der Leistung und der Futterverwertung anpassen. Also: Viel Leistung - Kohlehydrate hochfahren, Eiweiß herunterfahren (höchstens neun Prozent). Viel Heu geben, bauchige Pferde auf Späne stellen.

Beschlag: möglichst normale Eisen, deutliche Zehenrichtung (Eisen geht vorne leicht nach oben), breite Hufe "züchten", hinten die Zehe kürzer. Keine "therapeutischen" Eisen während der Saison, Eisen so leicht wie möglich.

Saisonplanung: von leicht zu schwer, Prüfungen aussuchen, die zum Saisonziel passen. Bei jungen Pferden auch immer wieder "herunterschalten". Genügend aktive Pausen nach langenPrüfungen.

Gefühl entwickeln: jeden Hinweis ernst nehmen, aus dem Bauch heraus entscheiden. Bei Verdacht auf Sehnenreaktion sofort reagieren, Training herunterfahren, Prüfung streichen. Ultaschall ist erst nach 14 Tagen sinnvoll. Bei Sehenproblemen harten Boden suchen, bei Gelenkproblemen weichen.




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