Andreas Dibowski
Spitzensport & Ausbildung
Irenenhof
Hörpeler Weg 4a
21272 Döhle
 
Ginger, das Ausnahmepferd


"Ginger ist eben Ginger", mit diesen Worten habe ich zuletzt dieses außergewöhnliche Pferd beschrieben. So hat sie sich all die Jahre gezeigt, so hat sie immer ihr Bestes gegeben und noch einiges mehr.

Die 1989 geborene hannoveranische Schimmelstute fiel mir als erstes 1996 auf einem Lehrgang in Luhmühlen auf. In der selben Saison beobachtete ich das Pferd in zwei langen L-Prüfungen unter ihrer Reiterin, Erika Müller. Sie platzierte sich damals nach schlechter Dressur beide Male durch ihre hervorragende Geländeleistung. Anfang 1997 kam sie zu mir nach Luhmühlen in den Stall. Ich ritt sie zuerst in L, dann in M und sogleich in S-Prüfungen. Sie war jedes Mal platziert. Die Dressur war nicht gerade ihre Stärke, aber damit hatten wir etwas gemeinsam. Nach einem 5. Platz im BWK (CCI *) wurde ich mit ihr noch 2. im CCI** in Langenhagen. Die Art und Weise, wie die Stute ihre Aufgaben im Gelände bewältigte, ließ mich schon von einer Teilnahme mit ihr an der WM '98 träumen.

Eine Verletzung an der Sehne in Schenefeld 1998 zerstörten alle Vorstellungen von dem Championat. Heute bin ich froh darüber, dass das Pferd nicht meiner damaligen naiven Einschätzung derartiger Kurse im Viersternebereich zum Opfer gefallen ist. Sie verbrachte das ganze Jahr auf der Weide.

1999 völlig ausgeheilt, war ich mit meiner Planung schon ein wenig "weiser". Ich setzte die Stute ausschließlich in CIC**/*** ein, in denen sie zu 100% platziert war. Aus dieser Erfahrung und dem damit verbundenen Training heraus wurde Ginger noch in einer langen Prüfung vorgestellt. Sie wurde in ihrem ersten CCI*** 10. in Boekelo.

2000 war unser erster Auftritt in Badminton, wofür uns viele belächelt haben. Es lief viel falsch, aber es lag nie an der Qualität des Pferdes. Das Management war einfach schlecht. Sie verlor ein Eisen auf der Rennbahn, ein zweites auf der 2. Wegestrecke. Die Stute hatte keine Chance, sich richtig zu erholen. Das führte zu einer Übersäuerung der Muskulatur, so dass sie mit sehr starkem Muskelkater in die Q-Strecke ging. Es ist wie ein Wunder zu deuten, dass dieses Pferd bis zum 27. Sprung fehlerfrei lief. Dann war einfach Schluss. Die Beine folgten nicht mehr dem Kopf. Für mich selber war dies gar kein Versagen. Zu groß waren die Eindrücke, die ich in dieser schweren Prüfung mitgenommen habe. In England selber war auch alles noch in Ordnung. Erst als wir wieder zu Hause waren, fiel eine Welt für mich zusammen.

Das, was mir in den ersten Tagen nach Badminton an Missgunst und Häme in Deutschland entgegengebracht wurde, überstieg meine schlimmsten Erwartungen. Da war die Rede von einem untrainierten Pferd, von einem schlecht gepflegten deutschen Schimmel, von der idiotischen Idee, ein Pferd für Badminton in Deutschland vorbereiten zu wollen. "Was will der denn mit dem Pferd dort?" Und noch vieles mehr. Es tat sehr weh, wenn man sich mit den Besten der Welt messen will, wenn man sich selber einen Eindruck von dem Spitzensportlevel international holen möchte und wenn man es wagt, über den Tellerrand der eigenen Nation hinauszublicken und dafür lächerlich gemacht wird.

Ginger war trotzdem Reservepferd für Sydney, und ich hatte nach dieser Erfahrung das bisher erfolgreichste Jahr, in dem ich nicht nur das CCI** in Bonn mit Barolo sondern auch noch das CCI*** in Boekelo mit Ginger gewinnen konnte und am Ende der Saison an 2. Stelle der Weltrangliste stand. Ich denke, eine bessere Antwort auf die Resonanz meines Badmintonausflugs hätte ich nicht formulieren können. Dachte ich bis Mai 2002.

Im Jahr 2001 lief alles recht ordentlich. Ginger platzierte sich zum 7. Mal in ihrem 8. CCI in Saumur und war diesmal bei der EM in Pau in der Mannschaft. Endlich dabei, unterlief mir ausgerechnet mit diesem Pferd der erste Geländefehler ihrer Laufbahn. Ich traf zwei blöde schmale Häuser nicht und kassierte im Gelände 60 Punkte für Verweigerung. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, so überflüssig war das.

Mai 2002. Badminton 2002. Diesmal lief alles perfekt. Das Pferd war fit, das Wetter ideal, der Boden gut, das Management verbessert, der eigene Tierarzt mit vor Ort, die Trainer dabei. Alles so, wie man sich einen Start bei so einer Prüfung vorstellt. Das Ergebnis ist den meisten bekannt:

Ginger beendete das CCI**** in Badminton mit ihrem Dressurergebnis von 48,8 Pkt als 4.

Die Welt war wieder in Ordnung. Man muss sich einfach entwickeln. Man muss Erfahrungen sammeln können, auch wenn sie nicht von Erfolg geprägt sind, und man muss sich trauen, sich mit den Besten der Welt zu messen. Nur dann geht es weiter voran. Ich für meinen Teil habe versucht, aus einer scheinbaren Niederlage 2000 noch etwas Positives mitzunehmen. Das ist mir gelungen, und ich konnte es beweisen. Gefreut habe ich mich über all die Mails und SMS, die ich noch während der Prüfung, aber vor allem auf dem Weg nach Hause erhalten habe. Es hat mir das Gefühl gegeben, dass ich nicht allein diesen "Kampf" bestritten habe. Es tat gut. Unglaublicherweise kam aber auch eine Bemerkung dieser Art: "Ihr wart doch nur in der Zeit, weil ihr angehalten wurdet und die Zeit gutgeschrieben wurde." Der Neid stirbt scheinbar nicht aus. Diesmal konnte ich darüber allerdings lächeln.

Mit Ginger geht ein Pferd aus Döhle, das einen, vielleicht den entscheidenden Beitrag zur Entwicklung meiner Person im Vielseitigkeitssport beigetragen hat. Sie hatte immer ein schlechtes Image, was ihre Möglichkeiten angeht. Sie hat immer mit Leistung die Zweifelnden zum Stillschweigen verdonnert. Sie hat immer alles gegeben und noch einiges mehr.

Ich wünsche mir, dass dieses Pferd in Zukunft den Respekt und die Akzeptanz erfährt, das es sich so redlich verdient hat.

DIBO





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